ich versteh' GAR NIX MEHR

Fangen wir mit Mathematik an - und hören mit Literatur auf:

Letztens erhielt ich folgendes Email:

"Wenn ich dem Umfang eines Kreises mit beliebigem Radius 1 Meter hinzufüge, nimmt der Radius immer !! um ca. 16 cm zu! [U = 2 * pi * r], egal ob ich als Ausgangsradius 1 mm oder 100 km wähle!
Was ist da faul, wo ist mein Denkfehler?"

Da ist also mal wieder mal ein (angeblich) Dummer auf einen alten Mathematikerwitz reingefallen, der üblicherweise etwa folgendermaßen präsentiert wird:

"Rund um die Erde wird eng anliegend ein Band gespannt."

[... wobei Mathematiker "natürlich" der Einfachheit halber davon ausgehen, dass die Erdoberfläche absolut gleichmäßig ist [glatt wie ein Kinderpopo], und auch vom Wasser der Ozeane sehen sie großzügig ab: denn was interessieren sie die schnöden Widrigkeiten der Wirklichkeit, wo die Aufgabe eh schon völlig abgehoben ist;
nebenbei: vgl. auch

"Die Midgardschlange (Weltenschlange) (altnordisch Miðgarðsormr; auch Jormungand, altnordisch: Jörmungandr) ist in der germanischen Mythologie eine die Welt umspannende Seeschlange";
(Quelle: )]

Dieses Band wird nun an einer Stelle aufgeschnitten und dort ein zusätzliches Stück von einem Meter Länge eingefügt.
Das derart verlängerte Band wird nun rings um die Erde angehoben.

[Keine Ahnung, wie Mathematiker das schaffen.]

Wie weit steht es dann von der Erdoberfläche ab?"

Ohne Erklärung (um die es hier ja gerade nicht geht) sei angemerkt: Für den Abstand ergibt sich in der Tat ca. 16 cm, und zwar völlig unabhängig vom Erdradius (der sich rauskürzt): man hätte also genauso gut die Sonne oder ein Sandkorn nehmen können.

Die Frage ist doch nur, weshalb diese Aufgabe so gerne (und meist mit der Erde) gestellt wird. Aus einem ganz einfachen Grund: wegen des immensen Unterschieds zwischen Erdumfang (ca. 40030 KILOmeter!) und dem dazwischengespannten  EINEN METER.

Schon die Planskizze vom Globus macht das Problem klar: die Einfügung musste erheblich zu groß eingezeichnet werden, um in diesem Maßstab überhaupt sichtbar zu sein. Und dementsprechend ist ja wohl auch der Abstand in Wirklichkeit klitzeklein.

Der Gag der Aufgabe besteht also darin, dass jeder Mensch mit halbwegs gesundem Menschenverstand auf Anhieb sagen würde, dass der Abstand nur klitzeklein sein kann, also z.B. ein hundertstel Millimeter.

Allerdings ist der "Mensch mit gesundem Menschenverstand" ja nicht völlig blöde: wenn ein Mathematiker schon so dumm fragt, wird wohl die ad-hoc-Antwort falsch sein. Wenn "der gesunde Menschenverstand" also "klitzeklein" denkt, wird er dem Mathematiker zuliebe das Gegenteil sagen.

Was gewisse Mathematiker längst vergessen haben bzw. jetzt im Nachhinein in herablassende Rache wenden, ist, dass sie seinerzeit mal selbst auf den Gag reingefallen sind

(Lachen [anders als Lächeln!] ist immer dreckig und beruht vor allem auf der Erleichterung, nicht selbst reingefallen zu sein [man traut es sich aber zu] bzw. nicht mehr selbst reinzufallen [aber früher mal reingefallen zu sein].)

Allemal trügt aber der "gesunde Menschenverstand", und selbst die Rechnung vermag einem das Ergebnis nicht recht anschaulich zu machen.

Und dennoch kann man sich das Problem halbwegs anschaulich machen, indem man der Einfachheit halber

(für Mathematiker nicht das geringste Problem!)

annimmt, die Erde sei ein Würfel mit ansonsten ähnlichen Ausmaßen, und auch die Aufgabe sei ansonsten gleich gestellt:

Der eine zwischengespannte Meter verteilt sich also auf die vier Ecken, und für den Abstand gilt jetzt:

1 m : 8 (Eckstrecken) = 12,5 cm,

was immerhin annäherungsweise die Größenordnung von 16 cm im obigen Beispiel verdeutlicht.

Zudem sieht man jetzt, dass sich der eine zwischengespannte Meter immer derart auf die Ecken verteilt, egal, wie groß das ursprüngliche Quadrat war.

(Nebenbei: keine Ahnung, woher ich diese Veranschaulichung habe. Ich weiß nur, dass ich da vermutlich nie drauf gekommen wäre, obwohl der Trick doch uralt ist: wenn du mit Krummem [Rundem] nicht zurecht kommst, versuchs doch erst mal mit Eckigem.)

So (nur sehr viel kürzer) hatte ich meinem Email-Partner das Problem zu erklären versucht, worauf hin er zurück schrieb:

"Herzlichen Dank zunächst einmal!
[...] ich möchte erwähnen, daß die Antwort äußerst seltsam erscheint. Möglicherweise ist mein Kopf aber auch nur zu klein. Mit Verlaub, ein gewisser Zweifel bleibt.
Dennoch möchte ich mich ausdrücklich für die überraschend schnelle Antwort bedanken."

Und da (deshalb erzähle ich das alles hier überhaupt!) unterläuft der entscheidende Fehler:

Der Laie fällt auf die beabsichtigte Beschämung herein und gibt sich selbst die Schuld: "Möglicherweise ist mein Kopf aber auch nur zu klein."

(Vgl.: wenn Windows mal wieder abstürzt, hat nicht Microsoft Mist gebaut, sondern bist - wie immer! - du selbst Schuld!)

Dabei ist es so einfach: für eine anschauliche Vorstellung des Problems ist jeder Kopf zu klein, d.h. hier zeigt sich nicht private, sondern allgemeinmenschliche Beschränktheit.

(Nebenbei:


Ganz anders scheint mir der Fall in Literatur und Kunst zu liegen.

Zwar wird oft unterstellt, Künstler machten sich auf unsere Kosten lustig (um mit dem Skandal Geld zu verdienen), und ein besonders kleinbürgerlich ressentimentgeladenen und intolerantes Machwerke ist da

Kurzbeschreibung
Kishons Bestseller "Picasso war kein Scharlatan" findet hier seine Fortsetzung. Wieder beschäftigt sich der israelische Satiriker mit den Auswüchsen und den Betrügereien auf dem internationalen und auch deutschen Kunstmarkt.
Klappentext
Dieses Buch ist ein provokantes Lesevergnügen, nicht nur für Insider, ein neuer Kishon, der allen von der heutigen »Kunstmafia« gefoppten Mitmenschen humorvolle Genugtuung verspricht. Auf seine unverwechselbare Weise entlarvt hier der weltbekannte Satiriker die lächerlichen Auswüchse der Moderne an Hand köstlicher Beispiele. Eine Fülle von Farbabbildungen kommentiert des Autors Meinung aufs treffendste.
Als Nachhilfe für seine Leser bietet Kishon erstmals auch eine kleine Kostprobe des modernen »Kunstesperanto«, der ersten Sprache auf der Welt, die sogar ihre Jünger nicht verstehen und die nur dazu da ist, mit Hilfe eines digitalen Wortverstümmlers normale Menschen um den Verstand zu bringen.
(zitiert nach )

Schon erheblich differenzierter ist natürlich

"Robert Gernhardt spitzt die Feder: Kampf den Dilettanten in der Kunst! In der Titelgeschichte, Erzählung, Pamphlet und Generalbeichte in einem, erklärt der letzte Meister seinem letzten Schüler die verheerende Entwicklung der Kunst. Während Gernhardt mit dem ewigen Dilettanten abrechnet, äußert er sich profund über die von ihm verehrten Künstler und Könner. Von Giotto über Leonardo und Michelangelo bis hin zu Busch, Pfarr und Sowa, von den Klassikern der Malerei bis zu den großen Karikaturisten unserer Tage reicht Gernhardts Palette. Ein unverzichtbarer Wegweiser durch die Kunst, ein Buch, das den Zeichner und Schriftsteller Gernhardt in neuem Licht zeigt!"
(zitiert nach )

Und am schlimmsten (unkünstlerischsten) an der ganzen Kunst ist natürlich die Kunstszene: wenn ein "Künstler" schon allein äußerlich auf Künstler bzw. Bürgerschreck macht (z.B. schwarze Kleidung), ist er bereits keiner mehr..

Nicht weiter auslassen möchte ich mich hier über jene "Künstler", die darauf angewiesen sind, für "»Kunst« im öffentlichen Raum" zu arbeiten.

Ich will nicht bezweifeln, dass der Affront manchmal beabsichtigt ist - und notwendig:

Aber solcher Skandal ist auch schon wieder ausgeleiert (weil systematisch die Falschen klatschen) und Avantgarde von vorgestern.

Ebenso gibt es - ganz selten - eine intellektuelle Überheblichkeit, die nur den vermeintlichen Pöbel ausschließen möchte.

(Vgl. Arno Schmidt, der seine Romane mittels monströser Zettelkästen verklausuliert hat, und seine sektenhaften Adepten, die sie nun mühsam mittels solcher Zettelkästen dechiffrieren.)

In der Regel schreibt ein ("guter") Schriftsteller aber doch nicht für oder gegen ein Publikum, sondern für sich selbst, also um sich etwas klar zu machen oder etwas für sich auszudrücken.

Wenn er dann so spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist

(oftmals merkt er gar nicht, dass andere etwas nicht verstehen könnten),

kann er natürlich keinerlei Rücksicht darauf nehmen, ob andere ihn verstehen, zumal diese anderen völlig anonym sind. Bzw. wenn er Rücksicht darauf nehmen wollte, dass alle ihn verstehen, dürfte er vermutlich gar nichts mehr schreiben.

Wenn überhaupt, so erschafft sich ein Schriftsteller sein Publikum selbst: jene, die ihn verstehen.

Merkwürdig, dass viele Leute (insbesondere SchülerInnen) es als Angriff auf sich und ihre angebliche Dummheit ansehen

(und dementsprechend um sich schlagen, also die Autoren verleumden),

wenn sie Literatur nicht verstehen.

Wieso ziehen sie sich einen Schuh an, der gar nicht für sie hingestellt wurde?:

zeitgenössische Autoren kennen mich doch gar nicht, und Autoren vergangener Zeiten können mich gar nicht gemeint haben.

(Goethe hat doch nicht geschrieben, damit mittels seiner Literatur SchülerInnen geprüft werden. Er kann doch nichts dafür!)


Vor einigen Jahren, als ich schon lange nicht mehr Schüler war, träumte ich, ich säße doch wieder in einer Klassenarbeit und müsste über ein Mallarmé-Gedicht sinnieren, also z.B. über

Der Nachmittag eines Fauns

Stéphane Mallarmé

Ekloge

Die Nymphen hier, ich will, daß sie mir bleiben. 

                                                                    Duft
von rosa Inkarnat durchflimmert diese Luft,
die dumpfer Schlaf betäubt. 

                                     War Traum nur meine Liebe? Mein Zweifel letzter Nacht verliert sind in die Triebe
manch jungen Baums, der mir als Waldeswirklichkeit
bezeugt, daß, ach, allein, in stolzer Trunkenheit
ein wahnhaft Ideal von Rosen ich erkoren.
Bedenke ...

                             oder ob die Frauen, gern beschworen,
nur mehr ein Wunschtraum sind für deinen Fabelsinn!
[...]

In meinem Traum fiel mir rein GAR NIX zu diesem Gedicht ein, und in heller Panik blieb das Schreibpapier leer, bis ich schweißgebadet aufwachte.

Was bin ich froh, dass ich nie wieder in Klausuren Gedichtinterpretationen schreiben muss!

(Genau das sollte sich jedeR LehrerIn mal klar machen!)

Nun finde ich zwar Mallarmé-Gedichte manchmal arg schwül, vor allem aber doch geheimnisvoll-schön. Ich will sie gar nicht "verstehen", sondern bin heilfroh, dass sie mich in ein (assoziatives statt linear-kausales) Bilderreich entführen. D.h.

die (erste) Frage, was ein Gedicht bedeutet

(wie man es "richtig" zu verstehen hat bzw. überhaupt nach dem [rationalen] Verständnis),

ist schon falsch gestellt:

schließlich fragt man bei einer Symphonie oder einem Gemälde auch nicht (als Allererstes), was sie bedeuten, sondern ob sie einem gefallen, einen "mitschwingen" lassen oder einfach im Herzen (inneren Bildern) aufblühen.

Wohlgemerkt: "Verständnis" oder sogar Analyse können dabei durchaus helfen!

Das Mallarmé-Gedicht ist vor allem Musik:

(vgl.  )

Kunst ist (fast) nie ein Angriff, sondern eine Chance.