glücklich leben mit Vorurteilen

| |
Eine der Ursachen für Vorurteile wird einem schnell klar, wenn man sich Kinder ansieht: sie reagieren ohne jegliche Höflichkeitszensur auf alles Fremde und Unbekannte
(was also eine völlig natürliche und bis dahin wertfreie Reaktion ist),
werten aber oftmals noch nicht
(was ja überhaupt erst das eigentliche Vorurteil ausmacht).
So kräht dann z.B. mein dreijähriger Sohnemann laut durch den Stadtbus: "Papa, warum ist das Kind schwarz?" oder "Warum hat der Mann einen »appen« Arm?"
1. Regel: Man gestehe sich lustvoll die Vorurteile ein, die man nunmal hat!
Beispiele:
Weil vor einigen Wochen einige (vermutlich) Libanesen Bomben in Zügen zünden wollten, achte ich just heute im Bahnhof und im Zug verschärft auf "südländisch" aussehende Männer.
(Seien wir genau: potentielle Attentäter werden ja vermutlich tatsächlich "südländisch" aussehen!)
Öffentlich wildes Rumschmusen ist
(wegen meiner verklemmten Erziehung?)
ja auch bei "Heteros" nicht so ganz mein Fall. Als aber zwei befreundete schwule Männer mal beim Spaziergang in meiner Nähe heftigst rumschmusten, war mir das dann doch "irgendwie" besonders unangenehm und wollte ich damit (von wem eigentlich?) bittschön nicht in Verbindung gebracht werden.
Wenn ich so die graumelierten Kultusbürokraten in ihren völlig unlehrer-mäßigen Jacketts samt Schlipsen sehe, denke ich prompt:
"Es will mir zwar niemand glauben, aber ich habe eine körperliche Allergie gegen bürokratischen Schwachsinn."
(João Magueijo)(... dabei kenne ich ja sehr wohl auch ausgesprochen sympathische Leute, die entweder aus beruflichen Gründen einen Schlips tragen müssen oder ihn sogar gerne tragen:
)
Als sich im Flugzeug "der" Pilot mit dem Namen Karin (!) Meier meldete, war meine erste Reaktion nicht nur ein Staunen (ganz einfach deshalb, weil PilotINNEN noch so selten sind), sondern auch der Gedanke (mit eingeschwurbelter Unterstellung): "Ob so eine Frau den Flieger auch wirklich sicher hoch und dann wieder runter kriegt?"
Dieses Beispiel finde ich am erhellendsten:
der Gedanke, dass eine (körperlich schwächere?) Frau ein Flugzeug nicht richtig steuern könne, ist
(gerade bei der Unterstützung durch Technik heutzutage - wenn man überhaupt unterstellen möchte, [alle?] Frauen seien körperlich schwächer als Männer)
natürlich völlig absurd;
und dennoch hatte ich diesen Gedanken nunmal.
Am 15.2.08 lief morgens kurz nach 7 Uhr im Deutschlandfunk ein Interview mit Hanns-Eberhard Schleyer, dem Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks.
"Schleyer", da klingeln bei mir alle Glocken: der Sohn des ehemaligen, dann von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.
Nun bin ich so dumm ja nicht, den Sohn für gewisse Taten seines Vaters in der Nazizeit in Sippenhaft zu nehmen
(die natürlich wiederum nicht die Ermordung des Vaters durch die RAF rechtfertigen).
Und doch hatte ich bei der Nennung des Namens meine lieben Vorurteile:
Der hat den Posten doch nur wegen der Ermordung seiens Vaters bekommen - und wird eben doch wohl ähnlich wie sein Vater denken.
Als Verbandsvertreter wird der doch allemal (das war das Thema) Missetaten der "oberen 10 000" kleinrelativieren.
Wie angenehmst enttäuscht (über mich selbst!) war ich dann aber, als Schleyer (Sohn) sagte:
2. Regel: Man suche lustvoll und gezielt nach den oftmals naheliegenden Widerlegungen all der hübschen eigenen Vorurteile!
(Meist weiß man´s ja wirklich besser.)
Nun weiß ich auch, dass man sich oftmals gar nicht bewusst ist, dass ein Urteil ein Vorurteil ist.
3. Regel: Potentiell ist jedes Urteil ein Vorurteil, und zwar insbesondere dann, wenn es einem "irgendwie" unangenehm (peinlich) ist.
Ein Beispiel: wenn sich ein Besoffener in meiner Gegenwart daneben benimmt, ist mir (!) das peinlich. Warum?
4. Regel: Sätze der Art "eine bestimmte Gruppe von Menschen ist immer ..."
(und nebenbei auch alle Verschwörungstheorien)
sind garantiert Vorurteile
(also z.B.
"alle Moslems sind Terroristen",
"alle Arbeitslosen sind faul"
...).
Viel schlimmer als das Eingeständnis von
(somit ja schon halb überwundenen)
Vorurteilen
(soweit solch ein Eingeständnis überhaupt schlimm ist)
ist die Behauptung, dass jemand gar keine Vorurteile hat.